Leseproben

    Textauszug aus

Fensterpatientin

Ich hocke wie jeden Tag am Fenster meines Zimmers im zweiten Stock der psychiatrischen Kinderklinik. Die Fensteröffnung ist gekippt und ich kann das feuchte Gras riechen. Ich liebe die Gerüche aus dem Krankenhauspark, besonders, wenn es im Sommer geregnet hat. Ich hebe den Kopf und strecke meine Nase so weit es geht durch den Fensterspalt. Ich sauge ihn auf, den süßlichen Duft der gelben Teichrosen, die auf dem kleinen Tümpel direkt unter meinem Fenster schwimmen. Weiter hinten auf der Wiese hat der Gärtner angefangen, das Beet mit den Tulpen zu beschneiden. Die Vögel unterhalten sich jetzt wieder. Ich höre das Zwitschern und Schnarren der Schwalben auf den Apfelbäumen und das Tschilpen der Spatzen, die neben der Bank vor dem Teich ein paar Brotkrumen gefunden haben. Ich mag Singvögel und fühle mich von ihren Tänzen auf dem nassen Kiesweg wie magisch angezogen. Zu gerne würde ich einmal auf dem Weg wandern. Doch es geht nicht, denn ich kann mein zu Hause nicht verlassen. Oft versuchte ich es, lag stundenlang zitternd vor der offenen Wohnungstür und krallte mich am Boden fest. Ein Bein über die Schwelle bekam ich nie und habe es eines Tages aufgegeben.

Mein kleines Herz steckt voller Sehnsucht und dennoch spürt es Geborgenheit und Wärme. Bevor ich in die Klinik kam, lähmte mich Furcht und hin und wieder nagt sie heute noch an meinem Kopf wie ein gefräßiger Biber an einer Kiefer. Dann kommen die Erinnerungen zurück: ein dreckiges, dunkles Kellerloch, Panik, Einsamkeit. Er fesselte mich mit einer Eisenkette…

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    Textauszug aus

Das Wohnzimmerexperiment

Der Mensch erschrak fürchterlich. Nicht der mit blauen Punkten bemalte Porzellanteller auf der blütenweißen Tischdecke, in dem eine gelbe Suppe dampfte, verängstigte ihn so. Auch nicht Löffel und Salzstreuer, die daneben lagen. Nicht der zweite, leere Teller oder die Keramikvase, aus der frische Blätter herausragten. Natürlich nicht!

Es war das braune Nichts, in das die Tischszene eingebettet war. Ihm kam es vor, als sei er blind, wenn er auf die Stelle schaute. Er hörte, spürte und roch nichts. Wer war er? Er hatte keine Erinnerungen, sein Gedächtnis schien vollkommen ausgelöscht. Er dachte nach, ihm fiel nicht mal sein eigener Name ein. Er wollte sich bewegen, doch er schien zu einem Felsen erstarrt.

Wo war er? Wie war er hier hergekommen? Er schaute an sich runter, erkannte Schuhe, schwarze Herrenschuhe. Er war also ein Mann. Am Rande seines linken Gesichtsfeldes erschienen ein hellbraunes Auge, das ihn dämonisch anstarrte. Er war nicht alleine und sein Gegenüber war kein Mensch, so viel stand fest…

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    Textauszug aus

Die Tantenüberfahrt

»Shit! Mein Kopf platzt!« Patrick Cooper schrie auf und verkrampfte. Er spürte einen stechenden Schmerz über dem linken Auge, den Druck unter seinem Schädel, als würde er gleich in tausend Knochensplitter zerbersten. Er sabberte. Sein Kopf wurde von der Tischplatte, auf die er gerade geknallt war, zurückgeschleudert. Dann kam die Ohnmacht!

Wie lange er ohne Bewusstsein gewesen war, konnte er später nicht abschätzen. Als er die Augen öffnete, war es dunkel. Das Schiff schaukelte nicht mehr, sämtliche Passagiere hatten das Bordrestaurant der Ostia IV verlassen. Das kann doch nicht, schoss es Cooper durch den Kopf. Die Lichter der runden Deckenleuchten auf der linken Schiffsseite waren erloschen. Auf der rechten Seite flackerten sie wie anspringende Neonröhren. Wie lange war er denn jetzt? Wieso fuhr das Schiff noch, wenn niemand mehr an Bord war? Tatsächlich niemand?

Ein Scharnier an der rechten Wand in der Mitte des Saales quietschte, die Tür zum WC öffnete sich langsam seitwärts in seine Richtung und das Licht aus dem Waschraum warf einen Kegel auf die vorderen Sitzbänke. Coopers Körperhaare stellten sich auf, er fröstelte. Sein Herzschlag setzte für ein paar Sekunden aus, als er vor sich die Silhouette eines…